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User Experience im Auto

Ein Ziel im UX design lautet oft Nutzer:innen enganged zu halten. Beim Fahren geht es um das Gegenteil

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UX beim Autofahren

Autos haben sich verändert. Nicht nur was Leistung und Design angeht sondern auch an Möglichkeiten der Bedienung. Hat man vor Jahrzehnten noch an ein paar Knöpfen gedreht, um das Radio lauter und leiser zu stellen oder die Klimaanlage zu steuern, so sprechen wir mit dem Einzug unterschiedlichster Displays von In-car Infotainment Systemen. Informationen und Entertainment wachsen zusammen.

Als ich von Polestar als Expertin eingeladen wurde, an einem Diskussionspanel teilzunehmen, wo es um User Experience von In-car infotainment Systemen ging, da man in den Modellen von Polestar die ORF Mediathek streamen kann, habe ich die Gelegenheit genutzt und durfte eine Runde mit einem Polestar 2 drehen. Dabei habe ich die User Experience unter die Lupe genommen und mir Gedanken dazu gemacht, wie es derzeit um die User Experience in Autos steht und wohin die Reise geht?

Der Status Quo

Die User Experience im Auto hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Moderne Autos bieten immer mehr Funktionen und Möglichkeiten, um das Fahren angenehmer, sicherer und unterhaltsamer zu gestalten. Allerdings gibt es auch noch viele Herausforderungen, die es zu meistern gilt, um eine optimale User Experience im Auto zu erreichen.

Aktuell gibt es noch viele Autos, bei denen die Bedienung des Infotainment-Systems kompliziert und unübersichtlich ist. Oftmals sind die Menüs unstrukturiert und die Bedienelemente zu klein oder zu unpraktisch platziert. Anwendungen haben sich immer mehr vom Auto gelöst, wie Internetbrowser, Mediatheken und mehr. Das Radio verfügt über überflüssige Funktionen wie 150 Radiospeicherplätze und die Auswahl zwischen 7 verschiedenen Medienoptionen (z. B. USB, AUX, SD usw.). Das Klimabedienfeld ist mit 10 verschiedenen Möglichkeiten zum Heizen/Kühlen/Massieren des Sitzes übersät. Schließlich können die Fahrzeugeinstellungen manchmal so komplex sein, dass jede Fahrdynamik individuell anpassbar ist. Beim Fahren merken diese Einstellungen nur die Hardcore Afficionados. Abgesehen davon, dass die Wichtigkeit in Frage gestellt werden kann – ja, ich weiß, es kann Auswirkungen auf den Verbrauch haben bei den Elektroautos, dennoch hat glaube ich die Masse der User nicht darauf gewartet.

Mehr und mehr Features werden dazu gepackt – einfach weil es geht und kein extra physischer Platz am Touchdisplay benötigt wird. Wie wir aber alle wissen, ist nicht alles was man machen kann unbedingt richtig zu tun.

In einem Test in einem schwedischen Automagazin testeten Teilnehmer:innen 11 moderne Fahrzeuge mit Touchscreen im Vergleich zu einem Volvo V70 aus dem Jahr 2005, um herauszufinden, welches am einfachsten zu bedienen war. Das Ergebnis:
Im Vergleich zu physischen Tasten und Schaltern benötigen Fahrer:innen viel länger, um normale Aufgaben auf Touchscreens im Fahrzeug auszuführen. Das Ergebnis ist nicht unwesentlich, denn je länger die Augen von der Straße abgewandt sind, desto gefährlicher.

Dieses Bild veranschaulicht wie gute UX und Usability auch ein Sicherheitsfaktor im Auto ist.

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Veranschaulichung unterschiedlicher Fahrzeugtypen
Copyright: Vi Bilägare

Bedienkonzepte der Zukunft

Neue Bedienkonzepte werden in Zukunft immer wichtiger werden, um die Bedienung des Infotainment-Systems im Auto noch einfacher und intuitiver zu gestalten.

Dabei wird es nicht bei einer Eingabemöglichkeit bleiben. Touch-, Gesten- oder Sprachbedienung sowie die Augmentierung von Informationen (Head-up-Display, akkustisches Feedback, etc.) sind heute schon weitgehend normal. Die automatische Personalisierung auf Basis von Nutzerprofilen sowie situativer Faktoren wie Emotionserkennung, Vitalparameter oder wieviele Passagiere an Board sind, können wir uns wohl bald erwarten.

Dabei bringt das automatisierte Fahren einen wesentlichen Wandel mit sich. Die Systeme sind damit nicht mehr primär auf den Fahrer ausgerichtet sondern für alle Passagiere da. Während das Erlebnis immer nahtloser wird zwischen meinem Auto zum Handy.

Die Voice-Steuerung im Polestar funktioniert beispielsweise dank Android Betriebssystem richtig gut und das planen einer Route zu Hause am Smartphone geht dank Google Profil gleich beim Einsteigen in mein Touchdisplay im Auto über.

Die Automobilindustrie wird den Punkt überschreiten, an dem der Verkauf von Fahrzeugen die einzige Einnahmequelle ist. Da das Auto selbst zu einem intelligenten Gerät wird, können jetzt während seiner gesamten Nutzungsdauer verschiedene Add-Ons aktiviert werden, wodurch Teile des Autos, die früher ungenutzt waren, effektiv monetarisiert werden.

Unternehmen wie Tesla sind nicht nur softwareaffin, sondern haben Software bereits als Grundpfeiler ihrer Markenidentität und ihres Angebots entwickelt. Andere Hersteller werden sich entscheiden müssen, wie viel Software-Know-how sie intern einbringen können und wie viel sie darüber hinaus bereit sind, an Google, Microsoft oder Amazon zu delegieren. Da sich das Auto schnell von einem bloßen Fortbewegungsmittel von A nach B, sondern von einer technologiegestützten Verlängerung des Lebens der Verbraucher:innen entwickelt, wird die Nichterfüllung der Erwartungen wahrscheinlich die Markentreue beeinträchtigen.

Was bedeutet das für UX Designer:innen

Saftey first

Ein Ziel im UX design lautet oft Nutzer:innen eganged zu halten. Beim Fahren geht es um das Gegenteil, Fahrer:innen müssen ihren Fokus auf der Straße behalten (noch). Susanne Holzer
Saftey First

Im Fahrzeug spielt Fehlerprävention und -behebung eine wichtige Rolle für eine (lebens-)sichere User Experience. Damit muss UX so wenig Engagement wie möglich nötig machen.

Minimalistische Benutzeroberflächen, große Texte, Umschalter und Schaltflächen, die Benutzer:innen mit nur einem Blick bedienen können. Dabei müssen UX-Designer:innen mit Designteams für den Innenraum zusammenarbeiten, um die User Experience an die Sichtweite, Links- oder Rechtslenker:innen usw. anzupassen.

Auch Kontexte müssen bedacht werden. Welche Benutzerinteraktion fördert in welcher Situation die Sicherheit. Beispielsweise können Sprachbefehle während der Fahrt die beste Option sein oder der Fahrer kann per Wischgeste die Anzeige wechseln, ohne den Blick von der Straße abzuwenden.

Individualisierung

Ein weiterer wichtiger Faktor für eine gute User Experience im Auto ist die Personalisierung. Jede Fahrer:in hat unterschiedliche Bedürfnisse und Vorlieben, was die Einstellungen, Funktionen und Anwendungen im Auto betrifft. Manche bevorzugen möglicherweise, dass Teile der Fahrzeuganzeigen, wie Batteriereichweite, stärker hervorgehoben werden als andere, bei denen ihre Musikbibliothek wichtig ist, was bedeutet, dass am Screen Platz für Flexibilität und Personalisierung geboten sein sollte.

Mehr Zielgruppen

Mit Shared Mobility kommt eine neue Ebene der Komplexität hinzu, denn nicht alle Autos werden von der gleichen Fahrer:in – oder Beifahrer:in – genutzt werden. Da viele Autos mittlerweile genauso vernetzt sind wie jedes Smartphone, erwarten Benutzer:innen, dass ihre Präferenzen beim Einsteigen in Sekundenschnelle geladen werden können. Dies reicht von einfachen Dingen wie der Musik- und Navigationssynchronisierung, kann aber auch bis zur automatischen Anpassung des Lenkrads oder Sitzes beim Einsteigen in ein gemeinsam genutztes Fahrzeug gehen. Es ist relativ einfach, einen Sitz in die richtige Position zu bringen, aber was ist mit der primären Anzeigepräferenz des Bildschirms, der Gerätekonnektivität, der Klimatisierung, der Navigation und dem Infotainment? – all das erfordert Zeit zum Einrichten. Wieder eine Metrik im UX Design: Time on task. Auch die sollte im Auto niedrig sein.

Continuous Discovery via OTA

Wir sind daran gewöhnt, dass der Wert eines Fahrzeugs sinkt, und zwar ab dem Moment, in dem es vom Parkplatz des Autohauses gefahren wird. Mit OTA-Updates besteht jedoch die Möglichkeit, wieder einen Mehrwert zu schaffen, die Nutzungsdauer des Fahrzeugs zu verlängern und die Möglichkeit zu bieten, eine Markenbeziehung mit den Verbrauchern aufzubauen. Noch mehr, wenn bestimmte Elemente basierend auf Kundenfeedback neu ausgerichtet werden. Wie genau, kannst du hier nachlesen.

Data, AI, Machine Learning

Fahrerassistenzsysteme sind heutzutage in den meisten Fahrzeugen der Oberklasse Standard, vereinfachte Versionen halten jedoch langsam Einzug in Mittelklasseautos und Wagen für geringere Budgets. Diese Systeme können einfache Aufgaben ausführen, wie z. B. die Warnung, wenn man von der Fahrspur abkommt oder mit vollständiger Autopilotfunktion – wie wir es bei der Tesla-Reihe sehen.

Paul Schouten, UX Designer bei TomTom, betont: „Alle diese Sensoren erzeugen viele kontextbezogene Daten!“ Was können wir mit all diesen Daten machen?“

Ein Telsa kann mit all diesen Daten selbst fahren, aber was ist, wenn der oder die Fahrer:in die Kontrolle hat und die Systeme des Fahrzeugs einen möglichen Unfall erkennen? Während sich Ingenieur:innen auf die Entwicklung von KI-Systemen konzentrieren, die Unfälle verhindern, müssen UX-Designer:innen entscheiden, wie sie sicher mit den Fahrer:innen interagieren.

Next Level responsive und langlebig

Es gibt keine Standarddisplaygröße bei Autos, aber viele unterschiedliche Hersteller. Designer:innen müssen daher mehr Bildschirmgrößen und Ansichtsfenster berücksichtigen. Die meisten Fahrzeuge verwenden individuell angepasste Bildschirme, bieten aber auch mobile Apps an, die das System und die Funktionen des Fahrzeugs steuern. Sie müssen Funktionen, Layouts und Informationsarchitektur für fahrzeuginterne und externe Anwendungen unterschiedlich priorisieren – jeweils mit dem Potenzial, sich jährlich zu ändern!

Zusätzlich bleiben Autos viel länger auf der Straße als Menschen mobile Geräte behalten. Beispielsweise hat Apple das iPhone 5 im Jahr 2012 herausgebracht, aber wer verwendet heute noch ein so altes Gerät? Umgekehrt fahren viele Menschen Autos, die 10, 20 oder sogar 50+ Jahre alt sind. Während dies bei Autos, die vor 50 Jahren gebaut wurden, kein Problem darstellt, müssen neuere Modelle mit Touchscreens und anderer Technologie gewartet und aktualisiert werden. UX-Designer:innern müssen ständig Innovationen für neue Modelle entwickeln und gleichzeitig Designs zukunftssicher machen, um ältere Systeme aufrechtzuerhalten.

Fazit

Ich persönlich finde das alles äußerst spannend und eine interessante Herausforderung. Ich danke Polestar dafür, dass ich in Vorbereitung auf die Podiumsdiskussion tiefer in das Thema eintauchen konnte. Es wird spannend welche Bedienkonzepte sich vermehrt durchsetzen werden und welche Hersteller den Markt dominieren werden. Wird es wie beim Smartphonemarkt sein, wo es im Grunde zwei Softwareanbieter gibt mit Apple und Google aber jede Menge Hardwarehersteller? Wird es auch ein Pixel Car und ein iCar geben? Beide Unternehmen haben derlei Projekte ja in der Pipeline.

Wie immer bleibt: Die Zukunft wird spannend.

Quellen:

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Susanne

Meine Rolle bei Liechtenecker: Ideen-Generator, ist auf diversen Konferenz-Bühnen anzutreffen, bereichert unser Lab mit psychologischem Know-how Wenn es weder IT noch Digitalisierung gäbe, wäre mein Beruf: psychologische Forscherin im Bereich Bildung und Kinderentwicklung Mein Herz schlägt für: Meine Familie, Yoga, mit meinem Baby durchs Badezimmer tanzen
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