Realtime Apps – echter geht kaum

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Der Nowism ist als Trend alles andere als neu. Wenn man allerdings die App Landschaft der Gegenwart etwas genauer betrachtet, könnte man das Gefühl haben, der Wunsch nach Realtime und der ungeschminkten Wahrheit des Moments erlebt ein Revival. Beme, Younow, Periscope, Meerkat und Snapchat sind nur einige Apps die versuchen den Reiz des Moments einzufangen. Doch was macht eigentlich diesen Reiz aus? Was fasziniert uns so daran, einen unverfälschten Einblick in das Leben eines anderen zu erhaschen und warum verliert die Speicherung von Daten in Zeiten von Big Data plötzlich an Relevanz?

Unsere Generation wird von Verhaltensforschern auch gerne als „Heads down Generation“ bezeichnet. Das könnte daran liegen, dass wir bei der Suche nach dem richtigen Weg intuitiv Google Maps am Smartphone öffnen, anstatt den Kopf zu heben und uns einfach nach einem Schild umzusehen. Auch wenn es vielleicht einfacher wäre, kommen wir nicht einmal auf den Idee uns zuerst einmal umzusehen. Sobald sich uns eine Frage stellt, wird unser Kopf wie magnetisch in Richtung Boden und unser Blick aufs Smartphone gezogen und unsere erste Intention heißt: Just google it!

Beziehungsstatus: Connected

Laut einer neuen US-Studie sind Teenager durchschnittlich neun Stunden täglich online. Die etwas Jüngeren zwischen acht und zwölf Jahren ziehen mit sechs Stunden täglicher Online-Nutzung nach. Also, ihr lieben Verhaltensforscher da draußen, natürlich sind wir eine „Heads down Generation“! Wie sollten wir es auch nicht sein? Unser Smartphone ist unser zweites Gehirn, der Adapter zu unserem sozialen Leben, unser Fotoalbum, unser Notizbuch, unser Kalender, der uns erinnert wann wir wo zu sein haben, die Schatztruhe, in der wir unsere Geheimnisse verstecken, unser Fernseher und noch SO vieles mehr. In diesem SO steckt außerdem etwas, das von der Gruppe der – sagen wir – weniger digitalen Generation da draußen maßgeblich unterschätzt wird. Nämlich ganz viel Emotion! Wir haben eine emotionale Bindung zu unserem Smartphone. Ich wage sogar zu behaupten, dass wir uns mit unserem Smartphone stärker verbunden fühlen als mit vielen Menschen in unserem Alltag. Dafür gibt es vielschichtige Gründe, aber einer ist sicherlich der Zugang zu Anderen. Unser Smartphone ist ein Konglomerat an Beziehungen, die wir pflegen. Sei es zu Familie und Freunden über den beliebtesten Messenger Whats App, zu unseren Vorbildern und Inspirationen über Instagram, zu unseren „Gspusis“ über Tinder oder zu unseren Gruppen über Facebook. Doch zu diesem Geflecht an Beziehungen gesellt sich nun eine weitere Form: die Beziehung zu völlig Fremden.

Status update I: Without a trace

Die App Landschaft auf unserem Smartphone Display hat sich schon vor einiger Zeit, um sogenannte Realtime Apps erweitert. Einige begleiten uns seit Jahren andere erst seit einigen Monaten, doch es ist deutlich spürbar, dass das Bedürfnis nach ihnen steigt. Der Wunsch etwas Echtes und Vergängliches zu teilen, einen echten und ungefilterten Einblick in das eigene Leben zu gewähren und diesen auch von anderen geschenkt zu bekommen, ist groß. Die Beziehung, die wir in diesen vergänglichen Momenten zu diesen unbekannten Menschen über diese digitalen Wege aufbauen, ist sehr viel echter, authentischer und unschuldiger, als wir es in der heutigen Zeit von unseren Beziehungen gewohnt sind. Wir dürfen ja auch nicht vergessen, dass wir in der Zeit von Big Data leben und immer und überall – und ich meine wirklich immer und überall – unsere Spuren hinterlassen. Alles ist verfügbar, zu jeder Zeit und beinahe an jedem Ort und das wollen wir auch so. Wenn wir unsere Serie im TV verpassen dann schauen wir sie in der TVthek nach, wenn wir auf der Uni keine Lust haben zuzuhören, sehen wir uns im Nachhinein ein Tutorial auf Youtube an und wenn wir am Abend keine Zeit haben ins Kino zu gehen streamen wir den Film online, wenn uns danach ist. Wir haben einen Whats App Foto Ordner auf unserem Handy, in dem alle verfänglichen Fotos, die uns jemals jemand gesendet hat sofort aufgerufen und geshared werden können und einen digitalen Ausweis via Facebook. Vielleicht reicht es uns einfach irgendwann und wir sehnen uns wieder nach den Wellen die unsere Spuren verwischen. Diese Sehnsucht haben Apps wie Snapchat aufgegriffen und etwas geboten, dass der User in seinem Netz aus Daten zu vermissen beginnt: Einen Moment der wieder verschwindet und damit genau das bleibt was er eigentlich ist, einfach ein Moment. Millionen von Jugendlichen nutzen Snapchat, um Fotos oder Videos zu senden, die sich nach der Ansicht selbst zerstören. Die Intention der User dabei ist es, einen Schnappschuss mit Freunden zu teilen, ohne dass dieser große Wellen schlägt. Dass Snapchat nun eine Datenspeicherung plant und man Screenshots machen kann steht wieder auf einem anderen Blatt.

Status update II: Unadorned

Ich glaube trotz aktueller Umweltzungen bei Diensten wie Snapchat an Realtime-Apps. Das hat – neben der Tatsache, dass ich die Nase gestrichen voll davon habe, jeden von mir produzierten Shit irgendwo gespeichert zu wissen – folgenden Grund: Authentizität ist ein altbekannter Wert, der plötzlich wieder gefragt ist. Ich finde es wird Zeit, dass er wieder mehr Platz in unserem Leben bekommt. Er musste lang genug in einer, von Filtern überdeckten Welt dahinvegetieren. Wir wollen echten Kontakt zu echten Menschen und keine aufgesetzten Facebook Postings mehr lesen. Es gibt schon genug unechtes und künstlich aufgemotztes das wir hinterfragen müssen. Nicht umsonst haben mittlerweile sogar bekannte Instagramer wie Essena O’Neil genug davon ihr „Leben“ darzustellen.

Status update III: Interacted

Außerdem wollen wir Realtime-Feedback. Eine Rückmeldung, die einfach nur für den Moment Freude bereitet und nicht zu einer Like-Sammlung ausartet. Genau das bieten uns Live-Streaming Apps wie Periscope. Wir sehen den Stream einer anderen Person und können ihr Herzchen schenken, die Sekunden später wieder in der Luft verpuffen. Was bleibt ist die Freude darüber. Bei Beme kann ich auf ein geteiltes Video instant mit einem anderen Video antworten, auf dem ich mein Feedback zum Ausdruck bringen kann. Dadurch entsteht unwillkürlich eine Verbindung zwischen zwei Fremden, die genauso kurz wie intensiv ist. Dieses Feedback geht sogar so weit, dass man aktiv in den Moment des anderen eingreifen kann, wenn dieser es zulässt. So kann man bei Periscope den Filmenden per Kommentar um etwas bitten und damit das Erlebte des anderen auch ein Stück weit zu seinem eigenen machen.

Die Frage, warum wir uns den Reiz des Moments auch digital wünschen, würde ich also durch folgende Punkte beantworten:

1. Weil in Zeiten von Big Data Vergänglichkeit zum Bedürfnis wird

2. Weil wir uns auf die Suche nach Authentizität machen

3. Weil wir uns echten Kontakt mit echtem Feedback wünschen

Und schlussendlich deswegen, weil sich die digitale Welt schon lange nicht mehr von der analogen separieren lässt. Darum muss sie, um sich natürlich anzufühlen, auch das bieten was die analoge schon immer tut: Unverfälschte und vergängliche Momente.

Über den Autor

Marion Haidacher

Meine Rolle bei Liechtenecker:
Powerfrau im Bereich Content UX & Innovationsmanagement, Schöpferin von Präsentationen und Workshop Designs

Wenn es weder IT noch Digitalisierung gäbe, wäre mein Beruf:
Chefin von irgendwas/irgendwem

Mein Herz schlägt für:
Gute Geschichten, Fashion, gesundes Essen, Reisen, verrückte Menschen, neue Erfahrungen

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