Mentalo, was siehst du für 2018?

Wie alle Jahre zum Jahreswechsel hin wieder, tummeln sie sich schon im Netz – die ersten Trendvorhersagen für den nächsten heißen Shit 2018. 

Ich könnte jetzt natürlich auf diesen Zug aufspringen, Doug Heffernan’s Mentalo befragen, zusätzlich meinen inneren Hobby-Nostradamus von der Leine lassen und damit eine weitere typische Trendvorschau 2018 produzieren. 

Lieber möchte ich euch aber an dieser Stelle ganz einfach erzählen, was ich für mich als alten UX Haudegen  als superinteressant für 2018 sehe, womit ich mich beschäftigen werde, worin ich mich weiterentwickeln werde, was ich machen werde. 

Design Systems

Credit: https://www.designbetter.co/design-systems-handbook

Wenn ihr euch als Designer schon mal mit AirBnB, Salesforce, IBM oder Uber beschäftigt habt, ist euch sicher aufgefallen, dass die großartigen Design-Teams hinter diesen Firmen ihre jeweils ganz eigenen Arten und Wege implementiert haben, wie Design bei ihnen stattfindet. Diese Teams arbeiten in riesiger Kopfanzahl über mehrere Abteilungen hinweg, sie arbeiten schnell, sie blockieren sich nicht, Prototyping passiert rasend schnell und das Design der Endprodukte ist über alle Touchpoints hinweg in höchstem Grad konsistent und harmonisch in ihrer User Experience. Wie schaffen die das? Diese Teams arbeiten mit Design Systems. Design Systems sind Bibliotheken von wiederverwendbaren Komponenten, die klaren Standards folgen und strenger Semantik unterliegen und dadurch unkompliziert zusammengetragen werden können, um jegliche Art von Anwendung in kürzester Zeit zu entwerfen, ohne dabei in Punkto Qualität und UX Einbußen zu machen. Dieses Design System repräsentiert die gemeinsame Visual Language und ist der gemeinsame Anker aller damit arbeitenden Design-Teams. Das Konzept zu Design Systems an sich ist nicht neu, unsere Buddies aus dem Programmierbereich arbeiten mit diesem Komponenten-orientierten Ansatz schon lange. Die oben angeführten Vorzeige-Design-Teams aber zeigen erst jetzt was alles möglich ist, wenn man diesen Ansatz im Design implementiert. 

Neben Speed und hoch effizienter Kollaboration ermöglichen Design Systems noch eine wesentliche Besonderheit: Ist die Bibliothek einmal aufgebaut, können damit in kürzester Zeit neue Konzepte in High-Level Prototypen umgewandelt werden und damit in die Testing-Phase gegangen und die Zahl der Iterationen in der gleichen Zeit gesteigert werden, was für agile und Design Thinking Workflows ein wahrer Traum ist. Absoluter Wahnsinn: Bei AirBnB ist man gerade dabei ein System zu entwickeln, das Scribbles scannt und daraus in Echtzeit in die passende Komponente rendert. Design Systems werden nächstes Jahr mit Sicherheit noch viel mehr Anklang und Fans finden, auch wir bei Liechtenecker setzen bei zukünftigen Projekten und Design Thinking Workshops auf Design Systems und freuen uns dabei schon mächtig auf das neue Invision Studio, das uns dabei noch besser unterstützen wird.  

Wenn du dich genauer mit Design Systems beschäftigen willst, kann ich dir folgende Links ans Herz legen:

https://www.designbetter.co/design-systems-handbook

https://airbnb.design/building-a-visual-language/

https://airbnb.design/sketching-interfaces/

Und hier ein paar Beispiele für Design Systeme:

https://www.lightningdesignsystem.com/

http://harmony.intuit.com/

Voice User Interfaces (VUI)

Credit: https://developer.amazon.com/de/alexa-skills-kit/vui

Ja ich weiß, alter Hut denkst du dir, Amazon und seine Alexa, Microsoft’s Cortana, Apple’s Siri und Google Assistant, kenn ich schon alles. Ja genau, das ist der Punkt – Voice User Interfaces sind bei uns im Haushalt angelangt. Zwar noch nicht wirklich in der breiten Masse akzeptiert, aber sie sind da und sie funktionieren. Online stolpere ich des Öfteren sogar über herzhafte Headlines, die man sonst eher vom Boulevard kennt, wie „The rise of VUI – the death of the designer“, doch soweit sind wir noch nicht. Die aktuelle Technik dahinter ist für einen natürlichen und verlässlichen Gebrauch noch sehr unausgereift, die Kommunikation noch eindimensional, die KI dahinter noch im Minimum-IQ Bereich die sich schwer tut wenn es darum geht, sich etwas zu merken und sinnvolle Verknüpfungen zu bilden. 

VUIs werden jedoch 2018 Seite an Seite mit den klassischen grafischen Interfaces in unserer Gesellschaft leben. Sie werden intelligenter werden, sich an Sachen erinnern können, werden in der Sprache natürlicher wirken und irgendwann auch Emotionen in uns erkennen. Ebenso wird es ein großes Thema werden, wie Marken über Sprache transportiert werden können.

Und für uns UX-ler bedeuten die VUIs nicht den Tod, sondern vielmehr eine Ausdehnung unserer Rolle. 

Als UX Designer liegt es bei VUIs in unserer Verantwortung die User-Flows zu entwerfen, gemeinsam mit Textern und Dramaturgen die Gesprächsszenarien durchzudenken und so zu konzipieren, dass sie die User nicht überfordern – eine spannende Herausforderung finde ich, denn im Vergleich zu visuellem Content ist bei auditivem die Aufmerksamkeitsspanne der User viel geringer. 

Ich werde also 2018 meine Talente als Texter weiterhin mit Feenstaub bestreuen, KI-technisch am Ball bleiben, mich in der Kommunikationstheorie weiterbilden und bereit sein wenn das erste VUI Projekt bei uns eintrudelt.

Augmented Reality – jetzt aber wirklich

Credit: https://www.linkedin.com/pulse/ar-next-big-step-retail-vikki-weston/

Ja ja, alle Jahre wieder heißt’s “Augmented Reality (AR) wird nächstes Jahr alles und jeden niederreißen”. Das les ich schon seitdem ich vor neun Jahren meine beiden Bachelor-Arbeiten über Augmented Reality geschrieben habe. Doch mein liebes Volk (göttlicher Strahl von oben, Orchester ertönt im Hintergrund, gehobene Hand, gehobener Zeigefinger – heiliger-Petrus-like) – es ist soweit, Augmented Reality goes Mainstream. Dank Apple. Apple hat mit seinem neuesten iPhone die Technologie AR massentauglich gemacht und damit den Stein ordentlich ins Rollen gebracht. 

Da AR jetzt auch für meine Oma keine Hexerei mehr ist, ARKits leichter zugänglicher und mächtig sind, ist es nun auch für Firmen umso attraktiver geworden, auf den Zug aufzuspringen und zu experimentieren, wie sie mit Hilfe dieser Technologie ihre Customer Experience (CX) steigern können, und wie sie ihren Experimenten auch die perfekte User Experience (UX) verleihen. CX und UX, zwei Begriffe auf die ich anschlage wie eine Wünschelrute die auf Wasser trifft, und da ich mir aus oben genannten Gründen sicher bin, dass AR 2018  so richtig aufblühen wird, bei uns Liechteneckers die ersten Projekte dazu in der Pipeline stehen, werd ich auch hier meine Rolle als UX-Designer weiter ausdehnen und mich mit Design und User Experience im Raum intensiv beschäftigen.

Anticipatory Design

Credit: http://www.maskerix.com/diy-vintage-circus-fortune-teller-halloween-costume/

Ebenfalls ein Thema das ich mir für 2018 auf meine Hot List setze, ist Anticipatory Design. Bei Anticipatory Design oder auch Predictive User Experience geht es um vorhersagendes Design. Hier wird versucht, sich soweit in die User und ihre Flows hineinzuversetzen, um ihnen im Voraus Entscheidungen abzunehmen und so Überforderung, Paradox of Choice und Entscheidungsmüdigkeit entgegenzuwirken. Natürlich nichts Neues, könnte man auch hier wieder sagen, wir Designer müssen das ja eigentlich sowieso können, sonst wären wir keine guten Designer. Stimmt schon, ja, aber: Hier gilt es größer zu denken und dieses Thema wird jetzt in Zeiten von Machine Learning, Big Data und Artificial Intelligence erst so richtig interessant. Ich denke da zb. an Musikanlagen die Musik passend zu meiner emotionalen Stimmung spielen oder Fitnessgeräte, die passend zum Trainingsplan die Gewichte einstellen und Wiederholungen vorgeben für die nötige Progression.  Was hier so gerade der aktuelle Stand ist und womit experimentiert wird, erfahre ich im Februar 2018 auf der Digital Thinker Conference in Berlin, auf der ich gleich am ersten Tag den Workshop von Joel Van Bodegraven zum Thema Design for Automation besuche. Ihr werdet dazu wieder von mir lesen.

Multisense Design 

Credit: https://blog.ted.com/the-5-senses-showdown-how-to-grade-your-experiences/

Multisense Design oder Design für die Sinne, interessiert mich auch gerade sehr und wird meiner Meinung nach mit kommendem Jahr ein wichtiges Thema werden. Warum? Zum Einen, weil wir in den Bereichen Virtual Reality und Augmented Reality neu denken müssen, wenn es darum geht, gute User Experience zu bieten, da hier im Moment eine wichtige Komponente fehlt: Haptisches Feedback. Hier wird viel mit Controllern oder Handschuhen experimentiert, um mit den Elementen im Raum in Interaktion zu treten. Das fühlt sich aber noch sehr unnatürlich an bzw. sind manche Tools dafür schlicht zu teuer und zu komplex für die breite Masse. Zum anderen ist die Experience von Produkten und Services umso beliebter, je mehr Sinne sie beim User beanspruchen. (siehe dazu auch https://blog.ted.com/the-5-senses-showdown-how-to-grade-your-experiences/) Multisense Design bietet neue Chancen, sich an einem übersättigten Markt zu differenzieren und seine Customer Experience zu verbessern. Zweifelsohne ein äußerst komplexes Gebiet, wo es die kreativsten Köpfe braucht die es zu finden gibt. Wer es aber schafft multisensorisch zu begeistern, wird einen großen Wettbewerbsvorteil erzielen können.

Die Rolle des UX Designers

Ich habe nun einige Themen angesprochen bei denen ich schon angekündigt habe, dass man als UX Designer seiner Rolle ausdehnen werden muss. Wie schon beim Thema Service Design nehmen wir als UX-ler immer mehr strategischere Aufgaben und eine höhere Verantwortung gegenüber den Usern einnehmen. Wir texten, wir schreiben Drehbücher, entwickeln Konzepte, Scribbeln, bauen materielle Prototypen, entwerfen Flows und Journeys, interviewen Personen auf der Straße, führen durch Design Thinking Workshops oder dirigieren einfach das Zusammenspiel der entsprechend notwendigen Rollen, um sicher zu stellen, dass am Ende bei Produkt und Service die User Experience stimmt und ferner die Overall Customer Experience wettbewerbsfähig ist. UX Design wird mit Service Design und strategischem Design verschmelzen.

Meist werden wir durch das Wort „Design“ noch immer sehr auf das Visuelle reduziert bzw. mit typischen Designern gleichgesetzt, weil Design in den klassischen Unternehmen noch oft als etwas mit Form und Gestalt, Pixel und Kasterl wahrgenommen wird. Doch mittlerweile geht es viel mehr um Produkt und Service, und nicht nur um ein grafisches Interface. Und ich glaube, dass gerade durch den Boost dieser modernen Technologien und neuen Design Disziplinen wie Anticipatory und Multisense Design, UX Design bald als genau das wahrgenommen werden wird, was es bedeutet: Design des Wesens, des Flows und der Erlebbarkeit von Produkten und Services, mit der damit verbundenen Aufgabe, Regeln und Mindsets von Auftraggebern und Entscheidungsträgern zu hinterfragen und auf die richtige Bahn umzuleiten, als Anwalt der User dort einzuschreiten, wo die Harmonie der User Experience verletzt wird und ständig das Ziel vor Augen zu haben, unser Leben ein kleines Stückchen besser zu machen.

In diesem Sinne, Merry UXmas und Happy New Year.

Über den Autor

Stefan Blumauer

Meine Rolle bei Liechtenecker:
Konzeption, Experience Design, Visual Design

Wenn es weder IT noch Digitalisierung gäbe, wäre mein Beruf:
Gym-Besitzer und Astl-Trainer

Mein Herz schlägt für:
Das Meer, Calamari, Illustration, Stahl & Eisen

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