Hört auf mit den Rollenbildern “Reicher Chef und armer Arbeitnehmer”

Waage Arbeitnehmer Arbeitgeber

Die meisten von uns stecken in einem Hamsterrad. Wir müssen Geld verdienen, damit wir unser Leben bezahlen können. Dabei suchen wir das „geringste Übel“, weil arbeiten  für uns meistens eine negative Seite hat. Diese ungünstige Situation ist unter anderem den Schubladen und Rollenbildern in unserer Gesellschaft geschuldet. Doch woher stammt diese Feindseligkeit und Missgunst? Die schlechte Beziehung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber hat eine lange Geschichte.

Industrielle Revolution

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts gab es hauptsächlich Kleinbetriebe und manuelle Landwirtschaft. Dort herrschte unreflektiertes Vertrauen zwischen den Menschen. Alle haben an einem Strang gezogen. Mit dem schnellen technologischen Fortschritt konnten Betriebe immer mehr und mehr auf Maschinen setzen und expandieren. Die Großproduktionen ermöglichten Wachstum auf ganzer Linie. Die Menschen wurden mobiler und konnten aufgrund von Dampfmaschinen reisen. Der Bedarf an Arbeitskräften hat sich dadurch in größer werdende Fabriken verlagert. Die soziale Zusammensetzung durch die Neuankömmlinge hat sich in den Städten verändert. Es sind große Spannungen zwischen Bewohnern und Arbeitern entstanden. Aber noch mehr zwischen Arm und Reich. Denn die Arbeiter lebten unter schlechten Bedingungen auf engsten Raum. In der ersten Phase des Industriezeitalters war die Lebenserwartung sehr gering, während sich die Wohlhabenderen Ärzte leisten konnten. Immer mehr Menschen arbeiteten in Fabriken und stellten eine größer werdende Interessensgruppe dar. Lange Arbeitszeiten, harte Bedingungen, Krankheiten und Verletzungen boten sehr viel Konfliktpotenzial. Die ersten Aufstände und Arbeiterbewegungen sind entstanden. Die Zwietracht zwischen Unternehmer und Arbeiter wuchs immer heftiger und führte sogar zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Es ist eine strikte Klassentrennung entstanden, welche eine zentrale Haltung in unserer Gesellschaft bis heute einnimmt.

Die Kluft schließt sich

In der modernen Wirtschaft hat sich die Arbeit von Fabriken langsam aber stetig in Büros verlagert. Die Zahl der Angestellten wuchs. Es entstanden feste Gehälter, Urlaubszeiten und Tarifverträge. Der Beruf des Arbeiters ging tendenziell zurück. Die Arbeitsbelastungen haben sich stark reduziert. Durch den Fortschritt konnte man immer weniger über körperliche Belastung klagen, sondern eher über Benachteiligung im sozialen Bereich. Es entstanden Tarifverhandlungen, Steuerdebatten und ideologische Diskussionen. Die Kluft zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hat sich zunehmend geschlossen. Der erwirtschaftete Wohlstand ist dank Sozialstaat und gewerkschaftlichen Maßnahmen nun auch an den kleinen Leuten nicht vorüber gegangen. Heute sprechen wir sogar über ein gemeinsam moralisches Recht, am wirtschaftlichen Erfolg teilzuhaben. Es hat sich viel getan in der Wertschöpfungskette. Neue und innovative Unternehmen (wie wir) haben Transparenz über die Finanzen, es gibt keine Chefs mehr und Mitarbeiter werden am Gewinn beteiligt.

Rollenbilder noch da

Dennoch sind die Rollenbilder in uns noch stark verankert. Zum einen liegt der bürgerkriegsähnliche Zustand aus der industriellen Revolution noch nicht so viele Generationen zurück. Systemisch kommt dieser Zustand noch immer zum Vorschein. Zum anderen gibt es nach wie vor Vorstände in Konzernen, die mehr als das 50 fache des nächsten Angestellten verdienen. Ob dies die Verantwortung und Entscheidungsnotwendigkeit gerechtfertigt, sei dahingestellt. Ich finde persönlich diese Höhen nicht gerechtfertigt. Generell sind Konzerne dieser Art kein Zukunftsmodell mehr, aber das ist eine andere Geschichte. Wie sehr das Rollenbild auch von unserer Arbeiterkammer geschürt wird, zeigt diese Video. Hier ist der Chef ein selbstverliebtes Arschloch, das auf seine Mitarbeiter tritt und sich das ganze Geld einsteckt. Dieser Spot hat mich sehr enttäuscht und wütend gemacht. Wir leben nicht mehr in der industriellen Revolution. Stellt euch mal das Video in einer umgekehrten Variante vor: Der sozialschmarotzende Arbeitnehmer, im Krankenstand feiernd, gegen den Chef mobbend und andere Kollegen runterziehend. Was wäre das für ein Aufschrei…

Die neuen Rollenbilder

Ja, es gibt noch Herausforderungen in der Wirtschaft. Aber es gibt mittlerweile mehr Unternehmen die fair und moralisch sind. Wahrscheinlich handelt es sich eher noch um Klein- und Mittelbetriebe. Aber es ist und wird die Zukunft. Mit solchen Spots verändert man das System nicht. Als Arbeitgeber fühle ich mich von den gezeigten Rollenbildern nur betroffen, weil ich in eine Schublade gesteckt werde. Ich habe umgekehrt mit einigen Mitarbeitern schlechte Erfahrung gemacht, die mich ausgenutzt oder ein feindseliges Klima gefördert haben. Deswegen sind aber nicht alle Mitarbeiter schlecht. Es gibt immer 2 Seiten einer Medaille: Wenn man noch nie die Perspektive gewechselt hat, ist es schwierig zu urteilen. Ich habe Bekannte und Freunde, die sich selbständig gemacht haben und plötzlich gesehen haben wie herausfordernd und schwierig es ist, Arbeitsplätze zu schaffen und zu halten. Schimpfen ist immer leicht. Als Mitarbeiter glaubt man oft besser zu wissen wie alles zu laufen hat. Dabei ist es oft gefährliches Halbwissen. Es nutzt nichts: Man muss sich einfach gegenseitig Begegnen. Der Chef oder Unternehmer hat dafür zu sorgen, dass es eine offene und ehrliche Gesprächskultur gibt. Am besten ist alles wird rausgelassen. Beide Seiten haben dafür zu sorgen aus den Rollenbildern auszusteigen. Es gibt viele Maßnahmen. Aber in erster Linie kann ich Ehrlichkeit empfehlen. Zurücklehnen und Schimpfen hilft niemanden.  Jeder ist in der Eigenverantwortung die Zukunft zu gestalten, auch jene der Rollenbilder.

Noch etwas: Arbeitgeber sind wichtig, denn sie schaffen Arbeitsplätze und gestalten die Zukunft. Sie bewegen etwas und sind in keiner Opferrolle. Denn sie übernehmen Verantwortung.

Über den Autor

Juergen

Meine Rolle bei Liechtenecker:

Coach, Trainer, Meditations- und Achtsamkeitslehrer

Wenn es weder IT noch Digitalisierung oder Meditation gäbe, wäre mein Beruf:

Yogimeister


Mein Herz schlägt für:

Meine Familie, mein tolles Team, alle Menschen

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