Unser wundersames Begehren nach Dystopien und Utopien

16. September 2017, von Maja
Unser wundersames Begehren nach Dystopien und Utopien

In letzter Zeit kann man bemerken, dass dystopische und utopische Vorstellungen unserer Zukunft immer mehr an Popularität gewinnen. Vor allem unsere Ängste und Sorgen über die politische Situation, Klimaerwärmung oder den rapiden technologischen Fortschritt finden sich in diesen Visionen wieder. Unser Unwissen fasziniert uns und wir sehnen uns nach Antworten, die in alle Extreme reichen. Doch lasst uns vorerst einen Schritt zurückgehen und uns anschauen was genau hinter den Begriffen Utopie und Dystopie steckt:

Utopie

Das Wort Utopie ist ein Sprachspiel zwischen den zwei altgriechischen Wörtern ou-topos (Nicht-Ort) und eu-topos (Gut-Ort). Es ist ein Ort der zu gut ist, um wahr zu sein. Im Duden wird die Utopie als undurchführbar erscheinender Plan und Idee ohne reale Grundlage beschrieben. Dabei geht es um fiktive Gesellschaftsordnungen, wie wir sie uns perfekter nicht vorstellen können. Aufgekommen ist der Begriff in Thomas Morus’ Roman „Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia“ von 1516. Darin beschreibt er eine ideale Gesellschaft, mit der er eigentlich seine Zeitgenossen kritisieren und ihnen aufzeigen wollte, wie es sein könnte.

Dystopie

Ein Dystopie ist das komplette Gegenteil zur Utopie. Es ist ein Ort an dem wir nicht existieren wollen, und der ein pessimistisches Szenario unserer Gesellschaft verkörpert. Wie auch bei Morus’ Utopie, ist auch die Intention dystopischer Vorstellungen, die aktuellen, bedenklichen Entwicklungen in unserer Gesellschaft aufzuzeigen und mit zugespitzten Szenarien vor deren Folgen zu warnen. Mit der ersten industriellen Revolution und den Weltkriegen hat sich auch in der Literatur die Idee der Dystopie verfestigt. Am bekanntesten sind hier wohl Aldous Huxleys „Brave New World“ und George Orwells „1984“. Beide sind im Schatten eines Weltkrieges geschrieben worden und befürchteten eine noch schlimmere Zukunft für unsere Gesellschaft. Wobei Huxley befürchtete, dass uns unsere Begierde ruinieren wird und Orwell, dass es die Angst sein wird, die uns letztendlich zerstören wird.

…und in der Digitalisierung

Zurzeit sehen wir vor allem rund um den rasanten digitalen Fortschritt hauptsächlich utopische oder dystopische Zukunftsvisionen, aber selten realistische. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass es sehr schwierig ist, die Zukunft vorherzusagen. Es gibt viele Wege wie sich diese entwickeln kann, wir können spekulieren, aber nicht wirklich prophezeien.

Wie ich euch schon erzählt habe, gibt es zurzeit rege Diskussionen zur Automatisierung. Hier kann man auch einen klaren Trend zu utopischen und dystopischen Vorstellungen erkennen. Kurz zusammengefasst sieht das ungefähr so aus:

  • Utopisten glauben, dass wir extremst produktiv sein werden, ohne dass wir als Menschen viel machen werden müssen. Roboter werden uns all unsere Probleme abnehmen und wir werden unendlich viel Freizeit haben. Neue Finanzsysteme, wie das bedingungslose Grundeinkommen, werden auch all unsere Geldprobleme lösen.
  • Dystopisten glauben, dass wir durch die Automatisierung fast alle unseren Arbeitsplatz verlieren werden und sich dadurch das Loch zwischen Arm und Reich noch viel mehr vergrößert. Zudem wird der Staat nicht genug finanzielle Mittel haben, um mit Sozialleistungen weiter zu helfen.

Beide Vorstellungen sind nur minimal realistisch. Bis wir an dem Punkt angelangt sind, dass die Technologie soweit fortgeschritten ist, und auch von der Industrie und unserer Gesellschaft angenommen und benutzt wird, wird noch sehr viel Zeit vergehen. Aber all diese Zukunftsvisionen entstehen aus unseren Hoffnungen und Ängsten der Gegenwart.

Wieso sind Utopien und Dystopien derzeit so populär?

Anhand utopischer/dystopischer Literatur kann man sehr gut erkennen, dass diese sehr stark in Beziehung zu der derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Situation steht. Vor allem wenn es uns schlecht geht, kommen diese zum Vorschein. Im 19. Jahrhundert kann man zum Beispiel viele Utopien entdecken: Die gesellschaftliche Situation war gerade dabei sich zu verbessern und diese Hoffnungen haben sich auch in den literarischen Werken widergespiegelt. Aber dann kam der Erste Weltkrieg und es folgte der Zweite, wonach wohl alle ihre Hoffnung verloren haben. Diese düsteren Zukunftsvorstellungen erkennt man an der Zunahme dystopischer Literatur.

 

All stories about the future are actually about the now.
Margaret Atwood

 
Doch in Wirklichkeit dreht sich hier alles um das Jetzt. Margaret Atwood beschreibt sehr trefflich, dass unsere extremen Zukunftsvisionen eigentlich Blaupausen für die verschiedenen Varianten unserer Zukunft sind. Und es liegt an uns zu entscheiden, ob wir diese Richtung einschlagen wollen oder nicht. Unsere Visionen zur Automatisierung sind eigentlich unsere Hoffnungen und Sorgen, wie diese Zukunft aussehen wird, wenn wir all unsere jetzigen technologischen Möglichkeiten und Ziele auch umsetzen.

 
Deswegen sprechen uns diese Vorstellungen auch so stark an. Sie schildern zwar eine weit entfernte Zukunft, in der Menschen von selbstfahrenden Autos chauffiert werden und ihre Arbeit von Robotern übernommen wird, doch im Grunde haben diese Zukunfts-Menschen die gleichen Motivationen, Begierden und Befürchtungen wie wir jetzt auch. Und erst wenn wir uns viele verschiedene Zukunftsvisionen vorstellen, haben wir die Möglichkeit zu verstehen, in wie viele verschiedene Richtungen sich unsere reale Zukunft entwickeln könnte. Ungewissheit bringt eben auch Chancen zur Veränderung mit sich! Wenn wir diese nützen und unsere Zukunft aktiv mitgestalten, können wir auch die ein oder andere Dystopie getrost historische Fiktion sein lassen und eine Realität schaffen, in der wir leben wollen.

Maja

Meine Rolle bei Liechtenecker: Design-Künstlerin, die es liebt über die Zukunft zu spekulieren Wenn es weder IT noch Digitalisierung gäbe, wäre mein Beruf: Soziologin oder Zukunftsforscherin Mein Herz schlägt für: Balkone mit Ausblick aufs Meer, Schwimmen und Schokolade
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