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Think-Tech: Eine philosophische Blogreihe über die Technik

Mit dieser Blogreihe starten wir den Versuch Technikphilosophie greifbar zu machen und uns fundamentalen Fragen unserer Arbeit anzunähern.

5. November 2020, von Fabian
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Wir alle verwenden tagtäglich unzählige verschiedene Arten von Technik. Angefangen bei der  Wecker-App in der Früh, die uns rechtzeitig weckt, über die Wasser-Infrastruktur im Badezimmer bis hin zur Kaffeemaschine – kaum sind wir eine halbe Stunde auf, sprengt eine solche Liste jeden Rahmen. Technik bestimmt also unser Leben. Nun denke ich, ist es aber in den meisten Fällen so, dass wir die Technik in erster Linie nur verwenden anstatt große Überlegungen über ihr eigentliches Wesen anzustellen. Als Entwickler:innen sind wir dabei in einer besonderen Rolle: Einerseits verwenden wir Technik (auch zur Entwicklung), gleichzeitig stellen wir aber auch neue Technik her. Grund genug, wie ich finde, um sich dazu einige Fragen zu stellen.

In dieser Blogreihe möchte ich ein bisschen in der „Schatzkiste“ der Philosophie kramen und ein paar Einblicke in die Gedankenwelt einiger Philosophen geben, die sich mit dem Thema beschäftigt haben und versucht haben, ihrerseits Antworten zu geben. Nun werden wir !Spoiler Alert! auch durch die Beschäftigung mit philosophischen Konzepten und durch diesen Blog zwar vermutlich nicht um eine klare Antwort reicher, aber möglicherweise lässt sich dadurch ein neuer erweiterter Standpunkt gewinnen, bzw. denke ich, können wir dadurch zumindest genauer spezifizieren, nach was wir eigentlich genau fragen und merken dadurch vielleicht, welche Problematiken für uns selbst Gewicht haben.

Wichtig ist mir an dieser Stelle zu betonen, dass dieser Blog keinerlei Anspruch erhebt, akademische Kriterien zu erfüllen und hier auch kein vollständiges Abbild vom Werk einzelner Autoren gegeben werden kann. Es soll hier lediglich darum gehen Interessierten einen Einstieg in die Thematik zu bieten und hier und da vielleicht ein paar Denkanstöße zu geben.

Klingt dennoch spannend? Gut, legen wir los!

Technik – Versuch einer Begriffsklärung

Beginnt man mit dem Nachdenken über Technik, so ist aus meiner Sicht eine Frage besonders naheliegend: Was ist Technik? Dass diese Frage nicht unbedingt leicht zu lösen ist, zeigt schon ein Blick auf die vielen verschiedenen Bedeutungen, die der Begriff bereits in unserem Alltagsverständnis hat. Hier eine kleine (durchaus erweiterbare) Auflistung an verschiedenen Bedeutungen, mit denen, denke ich, die meisten übereinstimmen werden:

  • Technik als (physischer) Gegenstand: zb. Smartphone, Auto, …
  • Technik als Weise, gewisse Gegenstände herzustellen: Programmieren, Tischlern, …
  • Technik als Weise, gewisse Gegenstände zu verwenden: Autofahrstil, 10-Fingersystem, …
  • Technik als generelle Weise einer Handlung: Schwimmtechnik, Orientieren im Gelände…
  • Technik als Forschungszweig
  • Technik als wirtschaftliche Branche

Wir sehen bei so einer Aufzählung schnell, dass eine einheitliche Definition wohl eher schwierig werden könnte. Nun ist es, finde ich, durchaus verwunderlich, warum dieser Begriff so kompliziert und umfangreich ist. In der Philosophie neigt man dazu, einer solchen Frage zunächst einmal mit einer (philosophie-)historischen Aufarbeitung zu begegnen, um den Status Quo besser verstehen zu können. Deswegen möchte ich im folgenden kurz einen kleinen Ausflug in die Philosophiegeschichte machen.

Back to the Roots

Wie die meisten für die Philosophie relevanten Begriffe, hat auch die Technik ihrenUrsprung im Altgriechisch und zwar im Begriff téchne. Dieser hatte in der frühen Geschichte eine praktische Bedeutung – es wurde damit in erster Linie ein Vermögen oder Können bezeichnet, also etwa die Handwerkskunst. Im Weiteren hat sich die Bedeutung auf jeden Akt einer Verwirklichung ausgedehnt. Dieser Begriff wurde dann später v.a. von Platon und Aristoteles dahingehend weiterentwickelt, dass ein solches Vermögen immer nur aus einer Einsicht, bzw. einem Wissen über den Gegenstand, den es im Fokus hat, entstehen kann. Dieses Verständnis ist bis heute von großer Bedeutung, denn auch heute ist mit Technik noch oft ein abstraktes Wissen gemeint, das allgemeinen Regeln folgt. Im Kontext der Digitalisierung[1] ist diese Definition natürlich von besonderer Bedeutung.

Everything is Science

Machen wir nun einen größeren Sprung in der Zeit nach vorn ins England des 16. Jahrhunderts. Hier lebte ein Philosoph, den man wohl als so etwas wie den Patron oder Vordenker der empirischen Naturwissenschaften bezeichnen könnte, nämlich Francis Bacon. Seine Erkenntnistheorie als Plädoyer für die empirische Methode ist vor allem für unser Verständnis einer systematisch agierenden Wissenschaft auch heute noch von großer

Bedeutung. Diese mit der Aufklärung neu aufgekommene Auffassung von Wissenschaft, hat natürlich auch großen Einfluss auf die Technik genommen und dazu geführt, dass Technik in den folgenden Jahrhunderten – genau wie die Naturwissenschaften – systematisch untersucht, belegt und abgesichert wurde. Heute ist es für uns nun selbstverständlich, dass die Technik eine eigene akademische Disziplin (mit diversen Subdisziplinen) ist, die in wissenschaftlicher Manier weiter erforscht und gelehrt wird.

Maybe not quite everything?

Wenn Technik lediglich Wissenschaft ist, kommt natürlich schnell die Frage auf, warum es überhaupt so etwas wie Technikphilosophie braucht. Es war auch tatsächlich bis ins 20. Jahrhundert so, dass es diese Disziplin eigentlich nicht wirklich gab[2]. Fragen der Technik waren, wenn überhaupt, nur ein Teil der Wissenschaftsphilosophie. 

Was nun genau ein Umdenken angestoßen hat, wird sich hier vermutlich auch nicht endgültig klären lassen, aber ich denke die 2 Weltkriege mit ihren Folgen, sowie die rasante Entwicklung einer breiten Palette an neuen technischen Innovationen, die unser Leben wirklich von Grund auf geändert haben, ließen sich, denke ich, als gute Gründe anführen, warum es im 20. Jh. zu einem neuen, kritischen Bewusstsein für die Technik kam. Das hat sich natürlich auch in der Philosophie niedergeschlagen und viele Autoren verfassten eine philosophische Kritik[3] über die Technik. Das hat natürlich auch zu einer Fülle an neuen Weisen geführt, in denen Technik gedacht und definiert werden könnte. Dabei wurden von unterschiedlichen philosophischen Strömungen teils sehr verschiedene und spezifische Begriffe von Technik entwickelt. 

Da die Begriffe teils relativ komplex sind, kann ich hier leider nicht in einem Beitrag eine Zusammenfassung aller Definitionen von Technik aus der Philosophie anbieten. Stattdessen möchte ich hier lieber ein paar Fragestellungen und Probleme anführen, mit denen sich die Technikphilosophie beschäftigt und somit prägend für den Technikbegriff sind:

  • Wie lässt sich das Verhältnis zwischen Mensch und Technik beschreiben?
  • Inwiefern ist der Mensch durch Technik bestimmt? 
  • Und ist unser Verständnis von Menschsein auch durch Technik geprägt?
  • Inwiefern spielt Technik eine Rolle in der Gesellschaft?
  • Inwiefern ist Technik relevant für Herrschafts- und Machtkonstellationen?
  • Wie sollte mit Technik umgegangen werden?
  • Ist Technik “wertfrei“ bzw. “neutral“ (“Guns don’t kill people“)?
  • Inwiefern lässt sich Technik von “Natur” abgrenzen?
  • Was ist Information und welche Bedeutung hat sie für Technik und Mensch?

Man sieht schnell, dass dabei der Mensch und das Mensch-Technik-Verhältnis mehr in das Zentrum der Überlegungen rückt, sowie sozial-gesellschaftliche und ethische Fragestellungen. Vielleicht habt ihr ja Ansätze, oder Ideen wie man solchen Fragen begegnen könnte? Schreibt es doch gerne in die Kommentare! Ich freue mich auch über jede Diskussion.

Fazit

Wie bereits angedeutet, haben wir durch diesen kleinen Ritt durch die Philosophiegeschichte die Frage nach dem Wesen der Technik natürlich nicht geklärt. Es ging mir hier lediglich darum, zu zeigen, inwiefern sich die Bedeutung eines Begriffes über die Zeit wandeln kann. Dabei werden immer wieder neue Perspektiven eröffnet, die unser Verständnis erweitern und zumindest ein Stück weit erklären, warum der Begriff gegenwärtig eigentlich ein solch komplexer ist. 

In den folgenden Beiträgen dieser Reihe hätte ich vor, einigen Autoren, oder Fragestellungen je einen eigenen Beitrag zu widmen, um so genauer auf einige Probleme eingehen zu können. Ich werde mich dabei in erster Linie auf Philosoph:innen aus dem 20. Jahrhundert bzw. der Gegenwart beziehen. Die Frage nach dem Wesen der Technik wird dabei natürlich immer mitschwingen, sowie die oben angeführten Probleme. Die Digitalisierung wird dabei besonders im Fokus stehen.

Ich hoffe euch hat dieser Einstieg gefallen und euer Interesse geweckt!

Fabian Schiel

Meine Rolle bei Liechtenecker: Backend-Dev Wenn es weder IT noch Digitalisierung gäbe, wäre mein Beruf: Nomadisch lebender Philosoph Mein Herz schlägt für: Hummus, Dune, Delay-Effektgeräte
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