Neuromarketing – Mein Bauchgefühl steht Kopf

10. März 2015, von Marion

Wer die Wahl hat, hat die Qual.
Treffender kann ich den Zustand nicht beschreiben, den ich empfinde, wenn ich vor einem gefühlten Mount Everest an Konsummöglichkeiten stehe und mich einfach nicht entscheiden kann. Bei diesen alltäglichen Entscheidungskämpfen versuche ich mich darauf zu besinnen, dass ich als Homo oeconomicus die Möglichkeit habe, die vorhandenen Alternativen sorgfältig abzuwägen und dann die nutzbringendste zu wählen. Komischerweise ist das, was schlussendlich in meinem Einkaufskorb landet, meist alles andere als die vernünftigste Wahl. In solchen Situationen zweifle ich an meiner Willenskraft und bin irritiert darüber, wie gekonnt ich mich selbst überliste.
 

„Ein Mensch kann zwar tun was er will, aber nicht wollen was er will“ (Zitat von Arthur Schopenhauer)

 
Nach reiflicher Recherche weiß ich nun zumindest, dass ich mit meinem Hang zu unbewussten Kaufentscheidungen nicht alleine bin. Laut Hans-Georg Häusel, Psychologe und Vorstand von Nymphenburg Consult, treffen wir 70-80% unserer Entscheidungen unterbewusst. Der amerikanische Marketing-Soziologe Gerald Zaltman spricht sogar von einem 95%igen Entscheidungsanteil, der vom Autopiloten getroffen wird. Doch wer ist dieser Autopilot und wer gibt ihm das Recht für mich zu entscheiden? Man kennt ihn auch noch unter dem Namen Bauchgefühl und er sitzt in Wahrheit gar nicht im Bauch, sondern im Kopf. Die Rede ist vom limbischen System das für die Steuerung von Emotionen zuständig ist, Einfluss auf das Gedächtnis und den Antrieb hat und auch der Sitz vom Belohnungs- und Bestrafungszentrum ist. Besonders wichtig ist die Informationsbewertung die im limbischen System stattfindet. Denn erst durch die emotionale Deutung und den Abgleich mit dem Belohnungs- und Bestrafungszentrum bekommen die wahrgenommenen Stimuli eine Bedeutung. Darum gelten die Bereiche die hauptsächlich mit der emotionalen Verarbeitung beschäftigt sind auch als die eigentlichen Machthaber im Gehirn.
Laut dem US-Neuromarketingexperten Dan Hill treffen Menschen ihre Entscheidungen emotional und rechtfertigen sie mit dem Verstand. Doch warum ist dieses Unbewusstsein so vorherrschend im Leben eines jeden Menschen? Die Wahrnehmungskanäle einer Person werden tagtäglich mit ca. 11 Millionen Bits an Informationen bombardiert, von denen aber nur 20-40 Bits bewusst verarbeitet werden können. Mit all den anderen Bits ist das Bewusstsein schlichtweg überfordert. Trotzdem werden sie vom Organismus aufgenommen und dieser führt die motorische Koordination des Körpers, das Abrufen von vergangenen Erfahrungen, das Einleiten von Handlungen und vieles mehr ohne die bewusste Teilhabe der betroffenen Person durch. Des Weiteren ist Bewusstsein ein Energiefresser. Das Gehirn verbraucht mit einem Gewichtsanteil von nur 2%, 20% der gesamten Körperenergie durch bewusstes und intensives Nachdenken. Daher kommen dem Körper Energiesparmaßnahmen in Form von unbewussten Prozessen nur gelegen.
 

„Bewusstsein ist eine PR-Aktion unseres Gehirns, damit wir glauben wir hätten auch noch etwas zu sagen.“ (Zitat von Allan Snyder)

 
Wenn ein Konsument also etwas kauft und das Gefühl hat diese Entscheidung bewusst getroffen zu haben, ist das laut Hirnforschung eine Benutzer-Illusion. Denn Kaufentscheidungen werden hauptsächlich „aus dem Bauch heraus getroffen“.
Die Disziplin Neuromarketing hat es sich zur Aufgabe gemacht diese unbewussten und emotional gesteuerten Prozesse im Gehirn zu erforschen und herauszufinden wie man Werbebotschaften für unser Gehirn optimieren kann. Indem Forscher mittels funktioneller Magnetresonanztomographie, kurz fMRT, in die Köpfe der Konsumenten schauen, wird schon seit mehreren Jahren versucht der Macht des limbischen Systems auf den Grund zu gehen.
Dabei werden Testpersonen im Kernspintomographen unterschiedliche Logos oder Werbespots gezeigt und gleichzeitig werden die Aktivitäten der verschiedenen Gehirnbereiche gemessen. Anhand dessen kann man beispielsweise beobachten, welche Sinneskanäle am besten für die Übermittlung von Produktinformationen geeignet sind und ob ein Werbekonzept die gewünschte Emotionalisierung erreicht.
Dank dieses Blicks hinter die Kulissen wissen wir nun, dass Werbebotschaften mit Gesichtern besser in Erinnerung bleiben, da sie stärker mit Gefühlen und Gedächtnisbildung in Verbindung gebracht werden. Außerdem werden emotionale Informationen besser abgespeichert und sind auch schneller wieder abrufbar.

Doch was bedeutet dass nun für werbetreibende Unternehmen?

Gibt es einen oder vielleicht mehrere Knöpfe im Kopf die Unternehmen drücken müssen, damit ein Kunde sie klar einer anderen Marke vorzieht? Ganz so einfach ist es auch mit Hilfe von modernsten Hirnforschungsmethoden bei weitem nicht. Nur weil eine Marke oder eine Werbung das Belohnungszentrum anspricht, laufen Konsumenten nicht automatisch los und räumen die Regale leer. Aber Neuromarketing ist mit Sicherheit ein Meilenstein auf dem Weg zum Verständnis der 95 unterbewussten Prozent, die das Leben eines jeden von uns bestimmen. Eine besonders wichtige Erkenntnis für alle Werbetreibenden lautet: Produktspezifisches Denken, wie die Fixierung auf den USP, fasst deutlich zu kurz. Der Mensch und seine Emotionen müssen im Vordergrund stehen und geben auch bei der Präferenzbildung die entscheidende Richtung vor. Unternehmen sollten also zukünftig in ihrer Kommunikation eher auf sogenannte Motions Points© setzen. Dabei handelt es sich um Ankerpunkte, die eine emotionale Relevanz für den Konsumenten erzeugen. Diese Motions Points sind so etwas wie ein limbischer Turbo, der Produkte für uns erst zu einem Erlebnis werden lässt.
 

Storytelling als emotionaler Leitfaden

Für die Kommunikation mit dem Kunden heißt es zukünftig also Botschaften zu adressieren die emotional gebildete Bedürfnisse und Interessen der Konsumenten aufgreifen. Ein Tool das durch diese Erkenntnisse klar an Bedeutung gewinnt ist Storytelling. Besonders im digitalen Bereich sind Unternehmen immer stärker gefordert Geschichten rund um ihr Produkt zu erzählen, die Menschen und ihre Emotionen ansprechen. Geschichten bilden den Rahmen für Emotional Branding und sind damit auch zukünftig die Gewinner, wenn es darum geht unser Bauchgefühl zu erobern.
Was sagt ihr zum Thema Neuromarketing? Glaubt ihr, dass diese Disziplin die Art wie Marketing betrieben wird tiefgreifend verändert?

Marion

Meine Rolle bei Liechtenecker: Powerfrau im Bereich Content UX & Innovationsmanagement, Schöpferin von Präsentationen und Workshop Designs Wenn es weder IT noch Digitalisierung gäbe, wäre mein Beruf: Chefin von irgendwas/irgendwem Mein Herz schlägt für: Gute Geschichten, Fashion, gesundes Essen, Reisen, verrückte Menschen, neue Erfahrungen
5 Kommentare.
Kommentar verfassen
Name
Mail
Web
Captcha
Erfolgreich!
Fehler!
17. März 2015 um 16:18

Hallo Marion,
deineAussage „Die Wahrnehmungskanäle einer Person werden tagtäglich mit ca. 11 Millionen Bits an Informationen bombardiert, von denen aber nur 20-40 Bits bewusst verarbeitet werden können.“ ist nicht ganz richtig.
Es sind 40 bits/sec für unsere bewusste Informationsverarbeitung und 11 mio. bits/sec für unsere unbewusste Informationsbearbeitung. Und was die Ergebnisse der fMRTG angeht, so sind das nur statistische Mittelwerte mit sehr geringer Aussagekraft.
ciao. roland albrecht

Jetzt antworten
Antwort verfassen
Name
Mail
Web
Captcha
Erfolgreich!
Fehler!
    Marion Haidacher
    19. März 2015 um 09:40

    Lieber Roland,
    ich kann leider keinen großen Unterschied zwischen unseren Aussagen erkennen 😉
    Bezüglich der statistischen Mittelwerte gebe ich dir Recht, aber wir finden die Tendenzen trotzdem durchaus spannend.
    Lg, Marion

    30. September 2015 um 05:36

    Der Unterschied zwischen den Aussagen liegt in den verwendeten Einheiten. Ob z.B. 11 Millionen Bits tagtäglich, also pro Tag vom Unterbewusstsein verarbeitet werden oder ob 11 Millionen Bits pro Sekunde (sec) vom Unterbewusstsein verarbeitet werden, ist ein Unterschied. Ein Tag setzt sich aus 24 Stunden zusammen. Eine Stunde aus 60 Minuten und eine Minute aus 60 Sekunden. Das sind also 86.400 Sekunden pro Tag. Demnach werden also statt 11 Millionen Bits tagtäglich rechnerisch 950.400 Millionen bzw. 950,4 Milliarden bzw. 0,9504 Billionen Bits tagtäglich vom Unterbewusstsein verarbeit. Abgesehen davon ist für mich als Laie gar nicht nachvollziehbar, wie diese Zahl von z.B. 11 Millionen Bit pro Sekunde entstanden ist. Wie wurde diese Größe gemessen und was misst diese Zahl? Bedeutet „Bit“ denn „binary digit“, analog zum Binärsystem? Demnach würden ja schon 40 Bits je Sekunde einer Abbildung von (2 hoch 40) = ~ 1,0995 Billionen Zuständen pro Sekunde entsprechen. Zum Vergleich: „Eine Zahl wie 7 oder 2 entspricht fünf Bits Information, das heißt (sic!) wir können maximal acht Zahlen gleichzeitig in unserem Bewusstsein verarbeiten.“ (Vgl. Scheier/Held, 2012, S. 52). Diese Zahl wie 7 oder 2 würde dann also gemäß Binärsystem genau (2 hoch 5) = 32 Zuständen entsprechen. Ist überhaupt schon bekannt, wie genau das Gehirn Zustände erfasst, verarbeitet und speichert? Diese Prozesse müsste man ja bereits verstanden haben, um eine Aussage darüber machen zu können, wieviele Bits das Gehirn pro Sekunde verarbeiten kann. MfG

11. März 2015 um 11:18

Ganz bestimmt sogar, wird Neuromarketing unser Unterbewusstsein beeinflussen. Und desto stärker die Informationsflut uns überlastet, umso öfter werden wir auf unser „Bauchgefühl“ hören …

Jetzt antworten
Antwort verfassen
Name
Mail
Web
Captcha
Erfolgreich!
Fehler!
Natalia und Marion reden über Usertests
UX/UI Design – Blogbeitrag

9 Fragen zum User Test – was Sie als Auftraggeber wissen sollten

18. September 2019, von Natalia

Euch steht ein User Test bevor? Die Agentur schreibt irgendwas von einem Usability Testing ins Angebot? Und ihr fragt euch jetzt, was das alles bedeutet? Dann lest hier die häufigsten Fragen und Antworten zum Thema User Testing.

Jetzt lesen
Susanne Liechtenecker und Christiane Bertolini
Inspiration – Podcasts

Folge #52 mit Christiane Bertolini

27. September 2019

Christiane Bertolini ist Betriebswirtschafterin und seit der Jahrtausendwende unternehmerisch tätig. Als Entwicklerin, Inkubatorin, hands-on Trendexpertin und Sparringspartner agiert sie cross industries, immer mit einem speziellen Twist.

Jetzt anhören
Close