Anonymität vs. Digitalisierung

Anonymität vs Digitalisierung: Der Blogbeitrag zum Thema

Ich darf euch an dieser Stelle wieder ein Kapitel aus dem dem Bericht „Foresight und Technikfolgenabschätzung“ für das österreichische Parlament vorstellen, das letzte Mal ging es ja unter anderem um biobasierte Zukunftsmaterialien wie etwa Superholz. Dieses Mal liegt der Schwerpunkt auf der Digitalisierung und wie diese die Anonymität gefährdet – und warum Anonymität vielleicht auch wichtig für die Demokratie sein könnte.

Warum Digitalisierung?

Ich brauche euch vermutlich nicht erklären, was Digitalisierung ist, oder warum sie viele Chancen bietet. Prozesse jedweder Art ins Digitale zu transferieren, kann mitunter viele Vorteile bringen. Von Effizienzgewinn, über Qualitätssicherung bis hin zu besserer User- und Customer-Experience bzw. einfach mehr Convenience.

Im Rahmen von digitalen Dienstleistungen und Services werden auch immer Daten gesammelt. Das ist nicht per se schlecht, denn Daten können dazu genutzt werden, die User und ihre Bedürfnisse besser kennen zu lernen, Verhalten zu antizipieren, besser auf die User einzugehen, kurz: um noch bessere Produkte zu entwicklen und noch besser UX zu erschaffen.

Gleichzeitig bedeuten viele Daten auch, dass man sich nicht mehr so leicht anonym bewegen kann. Das betrifft öffentliche Räume, aber auch ganz private Kommunikation.

Warum Anonymität?

In der Einleitung habe ich ja schon angeteasert, dass Anonymität vielleicht wichtig sein könnte, auch für die Demokratie. Aber warum ist das so?

Wer nichts zu verbergen hat, muss sich auch nicht verstecken

Man kennt den Sager, „Wer nichts zu verbergen hat, muss sich auch nicht verstecken“, und so manch Stammtisch mag da schon zustimmen. Doch das ist etwas zu kurz gefasst.

Anonymität ist sehr wichtig für viele Bereiche. Das ist völlig klar bei anonymen Wahlen oder bei Quellen von Journalisten, sollte aber ebenfalls deutlich werden, wenn es um Dinge wie Meinungsbildung, Minderheitenschutz oder der Teilnahme bei Demonstrationen geht. Wenn jeder Schritt von uns, jede Meinung, die wir kommunizieren, jede Sache, die wir kaufen, mitprotokolliert wird, so ist die Anonymität in Gefahr. Frei nach Paul Watzlawick könnte man wohl skandieren: “Man kann nicht nicht Daten hinterlassen”

Was ändert sich gerade?

Früher war es so: wenn man in der Öffentlichkeit unterwegs war, sei es am Weg in die Arbeit, beim Treffen mit Freunden, beim Sport etc, so war man zwar beobachtbar (also von anwesenden Personen), genauso war man aber auch als Teil einer Menge nicht direkt identifizierbar, hatte also – eine gewisse Anzahl an Mitmenschen vorausgesetzt – ein gewisses Maß an Anonymität inne.

Diese Anonymität ist nicht nur für Taschendiebe von Relevanz. Sie gibt uns allen die Sicherheit, uns mit unseren Mitmenschen zu unterhalten, zu debattieren, in Zeitungen und Büchern zu schmökern – ohne dass alles Gesagte, Gehörte, Gesehene nachvollzogen und ausgewertet wird. Und Schlüsse daraus gezogen werden.

Videoüberwachung konnte bisher nur Vorfälle aufzeichnen, aber nicht automatisiert Personen erkennen. Dies war erst nach dem Abgleich von Fotos von Verdächtigen möglich. Das ändert sich. Durch technische Reife der Systeme wird es aber sehr wahrscheinlich, dass durch Videoüberwachung direkt Personen erkennt und identifiziert werden. In Verbindung mit biotechnologischen Verfahren, die aufgrund von DNA auf das wahrscheinliche Aussehen schließen, ergibt diese Technologie ein mächtiges Instrument, Personen zu lokalisieren, von denen man lediglich DNA hat.

Facebook erkennt Personen in Fotos schon recht verlässlich. Anders als ein Fingerabdruck, lässt sich der Gesichtsabdruck auch nicht so leicht mit einem Handschuh überdecken. Und dank dem Anti-Gesichtsverhüllungsgesetzes darf man sich wohl nur im tiefsten Winter den Schal so hoch über die Nase ziehen, dass man unerkannt die Videokameras passieren kann.

Soweit zu den Überwachungen, die in der analogen Welt da draußen, bzw. von extern stattfinden. Mit unseren Smartphones haben wir nämlich eine umfangreiche Sensorik, Apps, deren Datenverkehr nicht immer im Detail bekannt ist und Ortungsdienste quasi ständig dabei. Auch Wearables wie Fitnessarmbänder helfen dabei, möglichst genau zu erfassen, wo sich jemand wann befand. Und dadurch, dass ein Großteil unserer Kommunikation übers Internet stattfindet, fallen hier natürlich ebenfalls recht sensible Daten an.

Früher war alles besser

Wer sich jetzt in die guten alten Zeiten zurückwünscht, dem möge ich jetzt aber auch noch ein paar Aspekte mitgeben, die sich positiv auswirken könnten: Konzepte, wie SmartCity, die ebenfalls recht datengetrieben agieren, bieten die Möglichkeit, sehr viel effizienter mit Energie zu haushalten, sollen die öffentliche Sicherheit erhöhen, und können auch im Gesundheitsbereich zu Verbesserungen führen.

Ob die genannten Verbesserungspotenziale aber rechtfertigen, dass jeder ständig überwacht wird, das gilt es eben nun zu diskutieren. Es gibt ja auch technische Konzepte, die unter dem Schlagwort „Privacy-by-Design“ Privatsphäre gewährleisten können. Und grundsätzlich sollten wir als Gesellschaft definieren, was uns die Anonymität und damit auch die Demokratie wert ist, wie sehr Unternehmen da reingrätschen können bzw. dürfen, und wie unser Menschenbild vom „freien Bürger“ eigentlich aussieht. Und damit sind wir eigentlich wieder ganz am Beginn dieses Beitrags: Das Thema findet sich im Technikfolgenabschätzungsbericht des Parlaments. Dort soll und muss das Thema auf jeden Fall im Detail erörtert und behandelt werden. Und nachdem dort mit Sicherheit eine Mehrheit sitzt, die die Demokratie, Anonymität und „freie Bürger“ als hohe Güter unserer Gesellschaft betrachten, brauchen wir uns vermutlich auch keine Sorgen machen. Im Waldviertel sind Überwachungskameras übrigens noch nicht Usus und so manch Funkloch vielleicht sogar Oase.

Hinweis: Den ganzen Bericht findet ihr natürlich wieder auf der Seite des österreichischen Parlaments.

Über den Autor

Lukas Kindermann-Zeilinger

Meine Rolle bei Liechtenecker:
Frontend-Liebhaber mit großer Begeisterung für Foto und Video

Wenn es weder IT noch Digitalisierung gäbe, wäre mein Beruf:
Mechaniker

Mein Herz schlägt für:
Technologie, Programmierung, Musik, Dichtkunst (a.k.a. Deutsch-Rap), Politik, Basteln, Sonnenschein, Fotografie, Filme, Kartoffelpüree

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